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FÜR ERWACHSENE

Neustart statt Knast

Nächste Folge am 02.12.2018

um 20:10 Uhr

23. Neustart statt Knast

Folge vom 07.01.2018

Knast ohne Mauern, ohne Zellen, ohne Gitter? Das gibt es tatsächlich: Im Seehaus Leonberg bei Stuttgart verbringen junge Straftäter ihre Haftstrafe im offenen Vollzug. Ihr Ziel: Nach ihrer Entlassung wieder einen guten Platz in der Gesellschaft finden. Aber wie geht das eigentlich?

Clarissa ist nach Stuttgart zum Seehaus Leonberg gereist, um genau das herauszufinden. Dafür musste sie so richtig früh aufstehen. Sie wollte wissen, welches Schicksal die Jungs erlebt haben? Was passiert bei einem offenen Vollzug? Entdecke das in ihren Tagebucheinträgen.

Clarissas' Tag im Seehaus Leonberg

Das Privileg, noch einen Kaffee vor dem Frühsport zu bekommen, habe auch nur ich. Die zehn Häftlinge müssen ohne Trinken oder Frühstück pünktlich zum Frühsport antreten. 5:45 Uhr ist Treffpunkt auf dem Sportplatz zwischen den beiden Wohnhäusern – wer auch nur eine einzige Minute zu spät da ist, bekommt sofort einen Punktabzug. Die strengen Regeln tun ihre Wirkung und alle Jungs stehen auf die Minute genau auf dem Platz!
Jeder wird mit einem schnellen Händedruck und auch ganz wichtig: Blickkontakt begrüßt. Es ist kalt und verdammt dunkel. Deshalb Stirnlampe auf und los gejoggt.
Gastvater Ben gibt das Tempo und die Strecke vor – puh ey, verdammt schnell sind die Jungs – ich bin müde und hoffe einfach nur, dass wir nicht länger als 5 km laufen – denn sonst halte ich das in diesem Tempo nicht durch. Will ja auch nicht abgehängt werden…
Zum Glück kommen wir nach knapp drei Kilometern zurück auf den Platz für eine Dehnrunde – Frühsport, geschafft!

Drei Minuten darf geduscht werden – das ist für ein Mädchen mit langen Haaren echt eine Herausforderung! Gut, dass hier nur Jungs mit kurzen Haaren in Haft sind. Frisch geduscht treffen sich alle in ihren Wohngemeinschaften für die Zeit der Stille. Was kann man sehr gut still machen? Richtig: lesen. Jeder darf sich ein Buch aus dem Regal holen. Gastvater Ben verrät mir: „Manche nehmen hier zum aller ersten Mal in ihrem Leben überhaupt ein Buch in die Hand“. Ich chille mich neben Patrick und schnappe mir ein Buch mit dem Titel „Fragwürdig“. Darin geht es um den Glauben an Gott. Mir fällt auf, dass Patrick sehr, sehr lange braucht, bis er eine Seite umblättert. Vielleicht ist er nicht der schnellste Leser? Vielleicht kann er sich aber auch einfach nicht gut konzentrieren.

Mein Magen knurrt. Wahnsinn, normalerweise würde ich noch durch mein Traumland tänzeln und frühestens in einer Stunde ans Aufstehen denken. Nicht heute. Das Frühstück steht auf dem Tisch und auch das ist alles andere als entspannt. 25 Minuten um genau zu sein, darf gefrühstückt werden: Die Zeit fürs Pausenbrote schmieren inbegriffen.

Das kennen wir ja alle auch von zu Hause: Jeder muss mit anpacken. Genauso ist es auch hier. NUR werden die Jungs hier für ihre Hausarbeit benotet und alles, was sie geputzt oder aufgeräumt, gewaschen oder repariert haben, wird auch genauestens kontrolliert. Oha! Da würde ich wahrscheinlich knallhart durchfallen. Ich hänge mich an Patrick ran und übernehme mit ihm den Küchendienst. Die einzelnen Aufgaben haken wir auf einer Liste ab… Bin mal gespannt, welche Note wir dafür einfahren.

Wow – ein früher Arbeitsbeginn. Die Jungs machen ausschließlich Handwerk: Zimmerei, Garten- und Landschaftsbau, Schreinerei und Metallbau. Ganz ehrlich: sind alles Bereiche, mit denen ich noch nicht wirklich in Berührung gekommen bin. Aber hey – ich bin ja neugierig und werde alles ausprobieren und mitmachen. Erst mal geht es mit Adrian und Mario auf eine Außenbaustelle. Die Bauherrin soll eine neue Terrasse bekommen. Meine Aufgabe: Schotter und Split in die Schubkarre schaufeln… Jo, ähnlich wie im Sandkasten, das bekomme ich hin.
Am Nachmittag fahre ich zurück zu Patrick, der gerade an einem schönen Schulregal aus Sandstein bastelt. Ich darf sägen, kleben und Patrick sagt: „Stellst dich ja gar nicht so schlecht an.“ Danke. :)
Ray zersägt fünf Meter lange Holbalken für eine Innendämmung. Auch da darf ich beim Ausmessen und ja ja – schleppen helfen.
Boah, ganz ehrlich – das ist körperlich super anstrengend und die Jungs ziehen durch bis 17 Uhr. Ich bin fix und foxi. Ein paar blaue Flecken und Kratzer bleiben mir als Erinnerung an meine getane Arbeit. Bisschen stolz bin ich schon :)

Das war für mich ein echt spannender Programmpunkt: „Hilfreiche Hinweise“ ist nämlich ein echt positives Wort für Kritik. In einem Kreis aufgestellt, wird jeder Häftling abgefragt, ob er über den Tag hinweg „hilfreiche Hinweise“ erhalten hat und es gibt Tipps, wie man in Zukunft sein Verhalten verbessern kann. Ich bin ganz froh, dass sie mich im Kreis auslassen, denn ich habe mir einige Hinweise eingefangen. Bei der Arbeit habe ich nämlich geflucht und das ist hier strengstens verboten. Ui ui ui. Aber auf die Kritik folgte auch eine Lobrunde – na zum Glück :)

Ich fühle mich als wäre es mitten in der Nacht – ich bin hundemüde. Aber der Blick auf die Uhr, lässt mich schmunzeln. Normalerweise drehe ich jetzt erst so richtig auf. Abendessen in der Familie steht an. Die Jungs helfen beim Tischdecken und spielen mit den Kindern. Ist irgendwie eine echt schöne und gemütliche Stimmung. Für mich auch endlich der letzte Programmpunkt für den Tag. Für die Jungs ist der Tag aber noch lange nicht vorbei – sie müssen noch Hausaufgaben machen… ein bisschen Leid tun sie mir schon. Auf der anderen Seite ist dieser total durch getaktete und vollgestopfte Tag wahrscheinlich das Einzige, was ihnen helfen kann einen Neustart hinzubekommen.

Tagesablauf
Uhrzeit Aktivität
5:40 Aufstehen
5:45 Frühsport
6:35 Zeit der Stille
6:50 Frühstück
7:15 Aufräumen | Putzen
7:45 PAUSE
8:00 Impuls für den Tag
8:15 - 13:00 Stundenplan beachten
  VESPER
13:30 PAUSE
13:45 - 17:15 siehe Stundenplan
17:45 Hilfreiche Hinweise
18:00 Abendessen
19:30 Hausaufgaben und
22:00 Bettruhe
22:15 Licht aus!

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