SCHLIESSEN
 
SCHLIESSEN
FÜR ERWACHSENE

Schau in Jons Welt

Nächste Folge am 22.09.2019

um 20:35 Uhr

Schau in Jons Welt

„Nächste Haltestelle: Marbachweg! Umsteigen zur U-Bahn-Linie U5 “ - Jon kennt alle Haltestellen der Buslinie 34 in Frankfurt auswendig - inklusive der dazugehörigen Umsteigemöglichkeiten. Jon fährt gern stundenlang Bus. Es ist, als wäre er dann in seiner ganz eigenen Welt. Jon kann sich aber nicht alleine in den Bus setzen und durch die Gegend fahren. Es muss immer jemand mit dabei sein. Denn Jon ist Autist.

Autismus wird als eine angeborene Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns beschrieben. Die kann sich schon im frühen Kindesalter bemerkbar machen. Auch bei Jon war das so.  Bereits als Jon ein Baby war, merkten seine Eltern, dass bei ihm etwas anders war als bei anderen Kindern. Stundenlang machte Jon zum Beispiel eine Dose auf und zu, ohne sich dabei zu langweilen. Seine Eltern fanden das seltsam. Aber viel schlimmer: Bis er vier Jahre alt war, sprach Jon kein Wort und reagierte oft nicht auf seinen Namen. Es war fast, als wäre er taub. Seine Eltern machten sich große Sorgen und ahnten, dass Jon autistisch sein könnte. Ärzte und Psychologen bestätigten dann diese Vermutung.

Routine im Alltag

Heute ist Jon alles andere als ruhig. Dinge, die anderen egal sind, sind ihm so wichtig, dass er sie immer und immer wiederholt. Zum Beispiel hört er an seinem Handy die Töne eines Computerspiels ab. Später singt er sie nach oder die ganze Wohnung wird kurzerhand zur Buslinie. Das kann auch mal mehrere Stunden dauern. Für seine Schwester Malin und seine Eltern kann das ganz schön anstrengend sein.

Am wohlsten fühlt sich Jon, wenn jeder Tag gleich ist, sich im Ablauf wenig ändert. Das Aufstehen, das Frühstücken und der Weg zur Bushaltestelle sind minutengenau getaktet. Auch für den Abend hat Jon seinen eigenen „Stundenplan“. Wenn diese Ordnung gestört wird, kann Jon unruhig werden. Dann ist es wichtig, dass er nicht alleine ist, ihm jemand die Hand hält und ihn beruhigt.

Seit Jahren geht Jon ein Mal die Woche zu Frau Rieke in die Therapiestunde im Autismus-Zentrum Frankfurt. Manchmal spielen sie zusammen oder Jon sitzt in der Schaukel und lässt mit Frau Rieke die vergangene Woche Revue passieren. Was ging gut, was ging weniger gut? In den Jahren hat Jon immer mehr erfahren, was Autismus überhaupt heißt und was Autismus für ihn bedeutet. Aber viel wichtiger: Er lernt immer wieder neu dazu, wie er mit schwierigen Situationen umgehen kann. Nicht immer funktioniert das.

Schulzeit

Jon besucht die 6. Klasse einer Integrierten Gesamtschule in Frankfurt. In seiner Klasse sind auch noch andere Kinder mit Behinderungen. Jon hat immer eine Schulbegleiterin zur Seite, die ihn sofort unterstützen kann, wenn es Jon nicht gut geht: Frau Seifert. Autisten haben eine veränderte Wahrnehmung im Vergleich zu sogenannten normalen Menschen. In einer Schule mit vielen Kindern kann es auch laut werden oder unruhig. Das bringt Jon ab und zu aus der eigenen Ruhe. Er zeigt das und wird laut. Manchmal auch ein bisschen aggressiv. Dafür ist Frau Seifert da. Mit ihr zusammen hat er sich Übungen ausgedacht, mit denen er sich schnell wieder beruhigen kann. Wenn das nicht funktioniert, gehen sie gemeinsam aus dem Schulzimmer.

Alle in Jons Klasse mögen seine offene und freundliche Art. Auch wenn man von Autisten immer behauptet, dass sie nur schwer mit anderen Menschen in eine Beziehung treten können, erleben die Mitschüler bei Jon eher das Gegenteil. Klar stört er manchmal ein bisschen den Unterricht und nicht immer wissen die Mitschüler, in welcher Welt sich Jon gerade befindet.

Jetzt behandeln sie in der Schule gerade das Thema Pubertät. Jon findet das superspannend. Denn auch er macht sich so seine Gedanken darüber. Wie wird das mal sein, wenn er groß ist: Wird er als Autist dann auch immer noch Helfer brauchen, die ihn jeden Tag begleiten? Wird er sich auch mal verlieben? Eine Familie gründen? Manchmal findet Jon es richtig doof, dass er behindert ist, aber es könnte ja noch schlimmer sein, sagt er: „Es gibt so viele schlimme Krankheiten oder Dinge, die einem passieren können.“ Dass er Autist ist, ist zwar manchmal nicht so cool, aber es geht schon, meint Jon. Er findet es faszinierend, dass es so viele verschiedene Menschen auf der Welt gibt und er einer von ihnen ist.

Freunde und Familie

Paul und Nele gehören zu Jons besten Freunden. Nach der Schule geht es zu Paul nach Hause. Wie jedes Mal das gleiche Ritual: erst die Tiefgarage ansehen, dann Aufzug fahren, dann durch die Wohnung rasen – zum Schluss „Mensch ärgere dich nicht“ spielen. Anders geht´s nicht. Paul und Nele nehmen Jon wie er ist.

Malin ist Jons ältere Schwester. Im August fliegt sie für ein Austauschjahr nach Amerika. Jon ist darüber wenig erfreut, weil er sehr an seiner Schwester hängt. Dabei ist es für Malin gar nicht immer so leicht, wenn Jon mal wieder stundenlang seine Geräusche und Busfahrten durch die Wohnung macht.

Schon heute reden die beiden darüber, wie sie ab August miteinander sprechen und schreiben können. Doch vorher geht´s in den Urlaub auf die Insel Amrum. Seit Jahren fahren Jon, Malin, seine Mutter und ihre Schwester dorthin. Nichts liebt Jon mehr als das Meer! Und das Beste: auf Amrum gibt´s auch einen Bus.

Du verlässt die KiKA-Seiten und wirst zum App-Store weitergeleitet. KiKA ist für den Inhalt des Stores nicht verantwortlich. Möchtest du fortfahren?