Hört auf damit!

Nächste Folge am 03.11.2019

um 20:10 Uhr

Kommentar

Hört auf damit!

von Clarissa, Fräulein Wunder am 19.05.2017


Zucker, Kohlenhydrate, Fett – alles Feinde, gegen die man sich verschwört. Gefeiert wird der gesunde Lifestyle. Auch Fleisch ist out, das trauen sich aber die wenigsten zu sagen. Her mit dem Avocado-Grünkohl-Chia-Samen-Smoothie. Sorry, aber merkt denn keiner, wie bekloppt das eigentlich ist?

Ein Meinungsbeitrag zu einem bestimmten Thema wird im Journalismus 'Kommentar' genannt. Das besondere ist, dass der oder die Autor*in zu dem Thema (kritisch) Stellung bezieht. Das klappt nur, wenn dir als Leser*in dafür wichtige Zusammenhänge verdeutlicht werden. Ziel eines Kommentars soll sein, dass du dir danach als Leser*in besser eine Meinung zum Thema bilden kannst.

Es ist ein Abend, an dem ich mich vor dem Fernseher abgeparkt habe. Nur noch chillen will ich. Der letzte Dreh hat ziemlich geschlaucht. Aber was läuft? Sophia Thiel, die mir strahlend zur Bikinifigur verhelfen will. Äh!? Daniel Aminati (ist das nicht der taff-Typ?) macht mich – echt jetzt – krass? Hahaha! Und wer darf natürlich nicht fehlen? Strahlefrau Heidi Klum und ihre superschlanken „Nachwuchsmodels“, die mich auf das baldige Topmodel-Finale hinweisen. Boar ey! Ich bin genervt und schalte wieder aus.

Das bringt mich allerdings auf einen Gedanken: Was geht eigentlich dazu bei YouTube? Ich brauch nicht lange suchen und bin – geschockt: YouTube zeigt dir, wie du 12 Kilo in drei Wochen abnimmst. Was sind die besten Fatburner Lebensmittel für dich? Züchte deine Muckis durch Crossfit schön straff. Ich frage mich: Man ey, habt ihr nichts Besseres zu tun? Was soll diese Oberflächlichkeit?

Ich bin jetzt richtig in Fahrt und biege ab zu Instagram. Da wird’s noch verrückter. Challanges über Challenges. BellyButtonChallenge, ColarboneChallenge, Bikini Bridge, Ab Crack, A4-Waist, Thigh Gap...Ich muss ehrlich sagen: Ich bin richtig wütend! Sind die alle bekloppt da draußen? Das ist Magersucht, getarnt unter Hashtags. Hier kurz zum Verständnis: ein A4 Blatt hat die Abmessungen von exakt 21 Zentimetern in der Breite sowie 29,7 Zentimetern in der Höhe. Und dahinter soll meine Taille passen?? Kommt schon, Leute! Ich möchte auch Mädchen wie Pamela Reif fragen: Dafür hast du Abitur gemacht, um dich jetzt halb nackt mit deinem Knackkörper bei Instagram zu inszenieren? Was willst du uns als Vorbild damit sagen: Sieh gut aus und sei erfolgreich? Sorry, aber die Realität sieht anders aus.

Aber zurück zu den Challenges: Jetzt gibt es also einen spielerischen Ansatz, sich in die Essstörung zu stürzen. Während einen Magersucht in der realen Welt in seiner Klassengemeinde oder im Sportverein ausgrenzt, fängt die Onlinecommunity einen auf. “Hier bist du unter Gleichgesinnten”, “Hier kannst du dich batteln” – “Hier bekommst du Likes für jedes verlorene Kilo”, “Hier gehörst du dazu”. Mir wird übel.

Ich frage mich: Wie weit kann das noch gehen? Ich leide nicht an Magersucht, ich ernähre mich gesund und treibe Sport. Kurz: Ich habe ein gesundes Verhältnis zu meinem Körper. Aber trotzdem schleicht sich da etwas an mich heran beim surfen. Es setzt sich in meinen Nacken und drückt mich nieder. Ich fühle mich elend, je länger ich durch Instagram-Feeds scrolle, in Magazinen blättere oder mir die Klum’sche Sendung gebe. Ich fange an, mich mit diesen Menschen dort zu vergleichen. Ich fange an, mir zu überlegen, was ich alles NICHT gemeinsam habe mit diesen Frauen in ihren Bikinis oder Sport-Leggins, die Smoothies mit ihren perfekten Lippen schlürfen. Ich bin hart genervt von mir selbst.

Nach ein paar Tagen, der Trubel des Alltags hat mich zum Glück wieder abgelenkt, denke ich nochmal darüber nach. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit und laufe an einer Bikini-Werbung vorbei. Ich denke mir: „Hallöchen! Die sieht aber gut aus. Und gesund!“

Weißt du, der Punkt, warum ich so motze, ist folgender: Körperliche Fitness, gesunde Ernährung und so, das ist das eine. Aber diese Instagram-Körper und das gephotoshoppte Aussehen sind das andere. Was wir da vorgesetzt bekommen, ist nicht echt, außerdem verzerrt es ein gesundes Körperbild! Die Gefahr von Magersucht wird genau durch solche beknackten Instagram-Trends und Werbungen vertuscht. Magersucht und Essstörungen beginnen im Kopf! Das, was vielleicht als Diät- und Fitnessexperiment beginnt, kann schnell zu einem Kontrollwahn werden.

Ich möchte auch gar nicht über die die sozialen Netzwerke ätzen! Sie sind super, um sich zu connecten, in Kontakt und auf dem neusten Stand zu bleiben. Aber eben auch, um sich zu vergleichen – sich gegenseitig herauszufordern und anzustacheln. Das ist ungesund und sehr gefährlich!

Natürlich sind die Medien nicht an Krankheiten wie Magersucht schuld. Aber sie können jemanden mit einem geringen Selbstwertgefühl in einen Sog ziehen. Ganz zu schweigen von denen, die schon an einer Essstörung leiden. Es wird unglaublich schwer für die Betroffenen, gegen die Essstörung zu kämpfen.

Bitte denk immer daran, dass jeder Mensch einzigartig ist! Wir haben die unterschiedlichsten Körperformen, die einfach genetisch bedingt sind. Wer 1.65 m groß ist, wird niemals Beine wie Gisele Bündchen haben. Aber ist denn das auch so schlimm? Zählst nicht du als Mensch? Welche Werte vertrittst du, woran hängt deine Leidenschaft? Was lässt dich strahlen? Hast du Freunde, die das Beste aus dir herausholen und mit dir durch dick und dünn gehen? Das ist, was wirklich zählt!

Sind wir doch mal ehrlich: Am Ende wollen wir doch alle als Opa oder Oma in einem Schaukelstuhl wippen und lächelnd auf die guten Jahre unseres Lebens zurück blicken. Und nicht denken: Oh man, so gut, dass ich damals eine 34 getragen habe …

Herzallerliebst,

deine Clari <3

Clarissa, Fräulein Wunder Clari in drei Sätzen: "Hallo Hamburg: Moin, Moin! Hallo München: Servus! Hallo Berlin: FRESSE oder wie du heißt!“ Sie beißt nicht, versprochen. Aber was sagen wir: lerne die zauberhafte Clarissa einfach selbst kennen.