"Aus Höflichkeit wurde Herzlichkeit und Respekt"

1. Staffel "Berlin und wir!"

"Aus Höflichkeit wurde Herzlichkeit und Respekt"

Eva Radlicki (ZDF) im Interview

Vier geflüchtete Jugendliche und vier Jugendliche aus Berlin werden in der Doku-Reihe "Berlin und wir!" (ZDF) drei Monate mit der Kamera begleitet. Sie wollen herausfinden: "Wie werden wir gut miteinander leben?" Die verantwortlichen Redakteurinnen des ZDF sind Margrit Lenssen und Eva Radlicki.

Wie wurden die Jugendlichen ausgewählt?

Eva Radlicki: Wir haben vier Berliner und vier geflüchtete Jugendliche gesucht, die ähnliche Leidenschaften oder Talente mitbringen. Es sollte etwas jenseits der Sprache da sein, das sie miteinander teilen können. Eine gewisse Empathie war uns wichtig, angesichts der dramatischen Schicksale der hierher geflüchteten Kinder.

Die Geflüchteten wollten wir sehr bewusst nicht auf die "Opferrolle" reduzieren, sondern zeigen, dass sie gute Erfahrungen, Talente und Stärken mitbringen. Darüber hinaus war uns wichtig, dass die Jugendlichen kein Problem damit haben, sich vor der Kamera zu äußern. Sie sollten den Mut aufbringen, zu sagen, wie sie sich in verschiedenen Situationen gefühlt haben.

Welche Ängste hatten die Jugendlichen und ihre Familien?

Eva Radlicki: Es war nicht einfach, geflüchtete Kinder bzw. Jugendliche zu finden, die sich filmen lassen wollten, ihre  Familien waren sehr vorsichtig. Als zum Beispiel während des Castings in Sachsen ein Bus mit Flüchtlingen attackiert wurde, nahmen Eltern sogar ihre Zustimmung zur Teilnahme an dem Projekt wieder zurück, weil sie im Zuge der fremdenfeindlichen Stimmung Angst um ihre Kinder hatten. Manche Familien wollten nicht gefilmt werden, weil sie noch verfolgt werden. Beispielsweise wurde der Vater von einem unserer Protagonisten ermordet und er erzählte vor der Kamera von den genaueren Umständen. Diesen Teil können wir nach Rücksprache mit der Mutter nicht senden. Sie hat große Angst, dass jemand ihren Sohn für solche Aussagen ins Visier nehmen könnte.

Insgesamt war es so, dass alle Jugendlichen, die wir gefilmt haben, sehr harte Dinge erlebt haben. Sie erzählen uns Teile ihrer Fluchtgeschichte, möchten sich aber oft nicht so detailliert erinnern. Es ist für die jungen Menschen schon belastend genug,  zuhause damit konfrontiert zu sein, dass Eltern traumatisiert sind.

Wie haben sich die acht Jugendlichen im Laufe der Produktion entwickelt?

Eva Radlicki: Kinder und Jugendliche sind grundsätzlich unbefangener als Erwachsene. Und sie wollen immer gerne neue Freunde finden. Natürlich waren sie zu Beginn vorsichtig und sehr höflich zueinander. Es war dann sehr schön zu sehen, mit welcher Dynamik die Gruppe zusammengewachsen ist, wie alle immer entspannter wurden im Umgang miteinander - aus Höflichkeit wurde Herzlichkeit und Respekt.

Es gab viele Facetten des wechselseitigen Lernens: So war z.B. die Geschwindigkeit unglaublich, mit der bei einem der Jungen der Wortschatz im Rahmen des Projekts zunahm. Er ist seit seinem dritten Lebensjahr Flüchtling und kann hier in Deutschland das erste Mal zur Schule gehen. An seinem Hunger nach Bildung wurde schmerzlich klar, wie viele weggeworfene Lebensperspektiven der Krieg in den Herkunftsländern der Kinder mit sich bringt.

Welche Themen haben zu Diskussionen geführt?

Eva Radlicki: Zum einen gab es ganz normale Gespräche unter Gleichaltrigen: welche Musik man mag, welcher Fußballer der beste der Welt ist, wie möchte man sein Zimmer dekorieren, welches Lieblingsessen hat man oder welche Apps oder Klamotten sind cool.

Darüber hinaus haben die Jugendlichen aber auch immer wieder große Themen diskutiert, wie Flucht oder ihre Hoffnungen für die Zukunft. Oder Religion. Sie wollten voneinander wissen, wer an Gott oder Allah glaubt und welche Auswirkungen ihre Religion auf den Alltag hat. Dabei hatte ein Mädchen zu Beginn die Befürchtung, aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit von anderen vielleicht verachtet und nicht differenziert wahrgenommen zu werden. Interessant war: die Jugendlichen waren ehrlich neugierig auf die Meinung der anderen und waren gleichzeitig in der Lage, eine von der eigenen Haltung abweichende Haltung zu akzeptieren. Dass die Berliner nicht sicher waren, ob sie an Gott glauben, führte nicht zu völligem Unverständnis seitens der eher gläubigen Flüchtlingskinder.

Natürlich gab es auch unterschiedliche Meinungen. Die Elfjährige aus Syrien zum Beispiel erzählt einem Berliner Mädchen in einer Folge, dass sie - sobald sie zwölf ist - ein Kopftuch tragen will. Die Berlinerin interessiert sich sehr dafür, kann das Vorhaben aber überhaupt nicht verstehen. Sie glaubt, dass das Kopftuch ein Zeichen für Unterdrückung ist und muslimischen Mädchen das Tragen des Kopftuchs aufgezwungen wird.

Das syrische Mädchen versucht ihr zu erklären, dass sie immer noch dasselbe Mädchen sein wird, wenn sie sich für das Kopftuch entscheidet. Diese unterschiedlichen Meinungen lassen wir übrigens unkommentiert nebeneinander stehen. Denn wir wollen, dass jeder Zuschauer selbst weiter darüber nachdenkt und sich seine Meinung dazu bildet.

Eine lustige und lebhafte Diskussion ergab sich, weil einer der Berliner Jungen Vegetarier ist. Er empfahl den muslimischen Freunden, einfach kein Fleisch mehr zu essen, dann müssten sie auch keine Angst haben, dass irgendwo Schweinefleisch drin sein könnte. Und natürlich gab es Gespräche über das, was für die Geflüchteten auffallend ist: das Verliebte sich auf offener Straße küssen dürfen, wie freundlich die Leute zu ihnen sind, wie schön es ist, in der Schule gefördert zu werden und lernen zu können.

Was können nicht nur junge Zuschauer, sondern auch Erwachsene lernen?

Eva Radlicki: Die Geflüchteten sind nicht Opfer, sondern Partner.  Zu erkennen, dass sie viel mehr sind als nur ein Opfer übler Umstände, dass sie ähnliche Dinge können, wissen und mögen wie man selbst, kann das Gefühl von Fremdheit nehmen, welches oft daran hindert, auf andere zuzugehen.

Wenn die Kinder von "Berlin und wir!" einen Appell formuliert hätten, würde er lauten wie folgt: Lernt euch kennen, seid neugierig aufeinander, erzählt euch wie ihr seid, was ihr fühlt und sagt offen, was ihr denkt. Das ist die Voraussetzung, um gut miteinander klarzukommen oder um Freundschaft zu schließen. Man entdeckt vermutlich mehr Verbindendes, als Trennendes.

Großen Respekt habe ich vor der Offenheit und Empathie, mit der sich alle begegnet sind. In diesem Sinne sind diese Teenager gut geeignet, um Vorbild  für unsere Zuschauer zu sein. Sie können Orientierung bieten und zeigen, wie man aufeinander zugehen könnte.

Welche Erfahrungen haben Sie für Ihren Alltag mitgenommen?

Eva Radlicki: Unsere Welt ist anders als noch vor ein paar Jahren. Das ist nicht rückgängig zu machen. Es wird auch nicht aufhören. Das mögen manche bedauern und ihre Kraft in Abgrenzung stecken. Die eigene Kraft zukunftsorientiert einzusetzen, bedeutet mutig miteinander in Dialog zu treten, das Verbindende zu finden und Unstimmigkeiten zu benennen. Das nehme ich für mich mit.

Die intensiven Gespräche im Vorfeld und die persönlichen Begegnungen im Rahmen der Arbeit für "Berlin und wir!" haben mich beschäftigt und berührt. Ich bin froh, im Rahmen meiner Arbeit solch außergewöhnliche Sendungen mitgestalten zu dürfen und dadurch hoffentlich einen kleinen Part zu einem friedlichen Miteinander beitragen zu können.

Eva Radlicki | Rechte: ZDF/Rico Rossival

Eva Radlicki

Eva Radlicki ist seit 1998 Redaktionsleiterin der Redaktion Information/HR Kinder und Jugend des ZDF. Zu ihrer Redaktion zählen die Sendungen: logo!, Löwenzahn, pur+, stark!, Let's Talk, Die Jungs-/Mädchen-WGs, Das erste Mal … USA und Berlin und wir!.

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Simona Jipa am 21.11.2017 um 23:39 Uhr

Liebe Frau Radlicki, Liebes KiKA Team, Liebe ARD und ZDF, Ich bin Mutter zweier Kinder (8 und 12j selber mit Migrationshintergrund. Ich bin sehr gerührt von Ihnen und alle Ihre Kollegen bei KIKA und von der letzten Wochen „Gemeinsam Leben“ Sendungen! Sie setzen die richtige kleine Pflanzen in unseren Kindern: offen zu sein für neues, Empathie zu entwickeln und für einen Zukunft zu kämpfen die mehr Liebe für einander verspricht. Nicht alle Menschen sind gut - es wäre eine Utopie - und auch nicht alle Flüchtlinge und Migranten sind böse und wollen das System ausnutzen. Es gibt gute und böse Menschen wie überall auf der Welt. Man wird aber durch alle Ihre außergewöhnlichen Sendungen zum nachdenken gebracht, ob man sich verschließt, alles als böse stempelt oder offen (selbst wenn vorsichtig) sich herantastet! Ich gratuliere Sie für diesen Erfolg und hoffentlich sehen wir in den Erwachsenen Sendungen mehr von solchen Beiträge! Es würde sehr gegen Xenophobie helfen! Und dafür ist nie zu früh oder zu viel!

ZDF Redaktion am 24.10.2016 um 17:51 Uhr

Ja, die Jugendlichen haben noch Kontakt. Einige einen intensiveren, andere etwas weniger eng. Das liegt auch am ganz normalen Alltag der Jugendlichen – sie haben Hobbies sind in Vereinen aktiv (auch die geflüchteten Jugendlichen) und haben daher begrenzte Freizeit neben der Schule.

gina am 20.10.2016 um 15:26 Uhr

Hallo ich schaue mir mit meiner 11-jährigen Tochter die Doku an und bin tief beeindruckt. Nicht nur darüber wieviel Lebensmut, trotz der schrecklichen Erlebnisse, noch in den Jugendlichen steckt sondern auch darüber mit wieviel Empathie die deutschen Jugendlichen an die Sache herangehen. Hier ist mir insbesondere Millane aufgefallen, die sich so große Sorgen um ihre Freundin macht. Es wäre schön zu wissen, ob die Acht auch nach dem Ende des Projektes Kontakt halten und Freunde bleiben. Nach der Doku aus dem letzten Jahr, über Kinderarmut in Deutschland, erneut eine gelungene, Kinder- und Jugend gerecht aufgebaute Doku. Wichtig in Zeiten in denen es so viel Negatives in den Nachrichten gibt und so viel Hass auf anders denkende, anders glaubende oder anders liebende Menschen geschürt wird. Danke für diese gelungene Doku

Gitti am 19.10.2016 um 15:12 Uhr

Hi, die Auswahl der Jugendlichen finde ich gut gelungen. Dass gleich zwei Upperclass-Jungs dabei sind, finde ich weniger repräsentativ. Malinas Annahme,welche natürlich die deutsch-berlinische Durchschnittsmeinung ausdrückt, dass muslimische Frauen mit Kopftuch immer unterdrückt sind, wird zum Glück von Bayans Power zerschossen. Ich höffe, dass noch mehr Vorurteile gebrochen werden können und bin nach der zweiten Sendung sehr gespannt, wie es weiter geht.

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