"Papa ist schon im Himmel"

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"Papa ist schon im Himmel"

In der aktuellen Doku-Folge erhalten Zuschauer einen Einblick in das Leben der Mädchen Lilli und Mariella. Ihr Vater ist vor sechs Jahren gestorben. Wie trauern Kinder? Wie können Eltern ihre Kinder bei der Trauerbewältigung unterstützen?

"Als mein Papa gestorben ist, dachte ich, ich könnte nie wieder glücklich sein. Aber das stimmt nicht“, sagt Mariella (14). Sie und ihre Schwester Lilli (12) haben ihren Vater vor gut sechs Jahren verloren. Die Schwestern gehen regelmäßig ins Trauerland, einen Verein für trauernde Kinder und Jugendliche. Jonas Sprengel arbeitet als psychologischer Mitarbeiter in der Einrichtung Trauerland. Er beschäftigt sich täglich mit den Sorgen trauernder Kinder und Eltern.

Interview mit Jonas Sprengel (Trauerland)

Trauern Kinder bzw. Jugendliche anders als Erwachsene?

Jonas Sprengel: Jedes Kind ist unterschiedlich und trauert individuell. Manche Kindern reagieren mit Wut und Aggressionen auf das einschneidende Lebensereignis, andere mit Ängsten (vor allen Dingen Verlustängsten), Konzentrationsschwierigkeiten oder auch mit einem Rückzug von Freunden und Bezugspersonen.

Wie sich das trauernde Kind oder der/die Jugendliche verhält, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Zum einen natürlich von der Beziehung zur verstorbenen Person, aber auch von den Todesumständen (Tod durch Krankheit, Suizid, Mord oder durch einen Unfall) und auch von der Begleitung des Kindes in seiner Trauer. Beeinflusst wird das Trauer-Erleben darüber hinaus natürlich auch von der emotionalen und kognitiven Entwicklung des Kindes. Insbesondere im frühen Kindesalter (bis ca. fünf Jahre) kann das Kind noch nicht umfassend begreifen, dass das Leben endlich ist. Erst im Vorschul-/Schulalter kommt es zu einem abstrakteren Denken im Umgang mit dem Thema Tod.

Abhängig von der jeweiligen Entwicklungsphase des Kindes ist häufig zu beobachten, dass die Trauer von Kindern sehr viel wechselhafter ist als die von Erwachsenen. So können sich Phasen von tiefer Traurigkeit rasch abwechseln mit Phasen von Fröhlichkeit, in der die Trauer um die verstorbene Person keine zentrale Rolle spielt. Des Weiteren gehen Kinder mit der Verlusterfahrung sehr viel spielerischer um und bauen das Erlebte auch immer wieder in die alltäglichen Spiele mit ein (z.B. mit Kuscheltieren oder Freunden). Oft verhalten sich Kinder sehr authentisch und zeigen sich sehr offen in Bezug auf ihre Gefühlswelt. Wichtig ist, dass Kinder in ihrer Individualität wahrgenommen werden. Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch in Bezug auf den individuellen Trauerweg. Trauer ist ein aktiver Prozess, der sich über die Lebensspanne immer wieder verändern kann.

 Was brauchen trauernde Kinder und Jugendliche?

Jonas Sprengel: Trauernde Kinder und Jugendliche brauchen Zeit und auch den Raum um den Verlust verarbeiten zu können. Dabei ist wichtig das Kind oder den/die Jugendliche mit seinen/ihren Bedürfnissen wahrzunehmen und zu unterstützen. Man kann nur trauern, wenn man auch trauern möchte. Wichtig für Eltern ist es, dem Kind mit Offenheit und Ehrlichkeit zu begegnen. Fragen der Kinder sollten gestellt und auch gehört werden können.

"Kinder spüren es oftmals sehr schnell, wenn Erwachsene Berührungsängste mit dem Thema Tod und Sterben haben und geben dann auch ihren eigenen Trauergefühlen weniger Platz und Ausdrucksmöglichkeiten."

Dafür ist es oft notwendig und hilfreich, die eigenen Trauererfahrungen reflektierend betrachten zu können und sich selbst mit der Endlichkeit des Lebens auseinandergesetzt zu haben. Kinder spüren es oftmals sehr schnell, wenn Erwachsene Berührungsängste mit dem Thema Tod und Sterben haben und geben dann auch ihren eigenen Trauergefühlen weniger Platz und Ausdrucksmöglichkeiten. Dabei ist gerade letzteres besonders wichtig. Trauer braucht Ausdrucksmöglichkeiten. Es bieten sich unterschiedlichste Möglichkeiten des Ausdrucks. Durch Sport, Toben, Malen, Basteln, Lesen oder auch im Gespräch kann den eigenen Gefühlen nachgegangen werden. Auch hier ist wichtig ganz auf die Bedürfnisse und Vorlieben des Kindes einzugehen und die eigenen Vorstellungen, wie Trauer auszusehen hat, zurückzustellen. 

Die Kompetenz für die Trauer trägt das Kind selbst. Erwachsene können dabei unterstützend wirken und einen sicheren Rahmen stellen, in dem sich das Kind weiterhin entwickeln kann. Es ist hilfreich immer wieder genau zu beobachten und das Kind zu fragen, was es sich wünscht und was es braucht. Gemeinsam können dann Ideen entwickelt und Angebote geschaffen werden.

Wie können Kinder und Jugendliche Abschied nehmen?

Jonas Sprengel: Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie von der verstorbenen Person Abschied genommen werden kann. Auch hier ist es wichtig sich zu fragen: Was sind die Bedürfnisse des Kindes/ des Jugendlichen? Was wünscht es sich? Was fühlt sich stimmig an? Für Kinder und Jugendliche ist es sehr wichtig sich von der verstorbenen Person verabschieden zu können. Dabei kann es sehr hilfreich sein auch die Bestattung der verstorbenen Person mit zu erleben, um den Tod in die eigene Lebensgeschichte integrieren zu können. Ein direkter Kontakt mit der verstorbenen Person und dem leblosen Körper kann es dem Kind in diesem Zusammenhang erleichtern den Tod als greifbarer und weniger abstrakt wahrzunehmen. Inwieweit ein direkter Kontakt mit dem Körper der verstorbenen Person sinnvoll und möglich ist, sollte natürlich in der Familie und im Austausch mit dem Kind genauestens besprochen und vorbereitet werden. Eine gute Begleitung ist hierbei ganz wesentlich. Wichtig ist, dass das Kind in Entscheidungsprozesse miteinbezogen wird.

"Abschiedsmöglichkeiten und Rituale sollten angeboten, aber nicht aufgedrängt werden."

Generell helfen Kindern und Jugendlichen Abschiedsrituale, um den Tod begreifen zu können.  Abschiedsbriefe malen oder schreiben, Luftballons steigen lassen, das Erstellen eines Trauertisches (auf dem Erinnerungsstücke liegen und Kerzen angezündet werden) oder auch das Auslegen eines Trauerbuches (in dem die Kinder ihre Gedanken aufmalen und schreiben können) können hier beispielhaft genannt werden. Dabei sollte geschaut werden, welche Rituale sich für das Kind passend anfühlen. Es gilt: dem Kind und Jugendlichen offen begegnen. Abschiedsmöglichkeiten und Rituale sollten angeboten, aber nicht aufgedrängt werden. 

Oftmals befinden sich Eltern selbst in einer Trauerphase. Wie sollten Eltern den eigenen Gefühlen gegenüber den Kindern umgehen?

Jonas Sprengel: Mit den eigenen Gefühlen sollte offen, ehrlich und kindgerecht umgegangen werden. Dies verschafft den Eltern Erleichterung und auch die Kinder und Jugendlichen können so das Verhalten der Eltern einordnen und verstehen. Genauso wie der Tod zum Leben gehört, sind auch Trauer und Traurigkeit Bestandteil der Gefühls- und Erlebenswelt. Wichtig ist es, dass auch Eltern, unabhängig von ihren Kindern, Ausdrucksmöglichkeiten ihrer eigenen Trauer finden. In diesem Zusammenhang sollte auf innere Ressourcen und auch auf die Unterstützung im Familien,- Freundes- und Bekanntenkreis zurückgegriffen werden. Auch professionelle Hilfs-und Beratungsangebote sollten, insofern sie als notwendig erachtet werden, in Anspruch genommen werden. Um den Kindern den Raum für ihre Trauer zu geben, ist auch die Trauerverarbeitung der Eltern bedeutend und nicht zu vergessen.

Was gibt es für Möglichkeiten sich Hilfe zu holen?

Jonas Sprengel: Mittlerweile gibt es eine große Bandbreite an Hilfsmöglichkeiten, die in Anspruch genommen werden können. Neben Hospizdiensten, die neben einer Sterbebegleitung auch oftmals eine Trauerbegleitung anbieten, gibt es Seelsorgen oder auch Beratungstelefone, die eine schnelle und kostenlose Beratung ermöglichen und Hilfesuchende kompetent weiterleiten können. Auch Kitas und Schulen bieten zum Teil Fachberatungen an, die in Anspruch genommen werden können.

Sollte eine Beratung nicht ausreichen, so sollten auch psychologische und psychotherapeutische Hilfeangebote aufgesucht werden. Neben Einzelangeboten gibt es auch vermehrt Gruppenangebote. Trauergruppen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, wie wir sie im Trauerland anbieten, gibt es in mehreren deutschen Städten und können ein hilfreiches Angebot für Trauerende jeden Alters sein. Darüber hinaus sind auch online Beratungen oder auch Selbsthilfegruppen, die sich auch über soziale Medien finden können, als Möglichkeiten zu nennen.

Jonas Sprengel | Rechte: Akcivan

Der Experte

Jonas Sprengel

Jonas Sprengel arbeitet als psychologischer Mitarbeiter im pädagogisches Team von Trauerland. Neben einer Kindergruppe leitet er einen Treff für junge Erwachsene, führt Telefonberatungen und hält Vorträge zum Thema Trauer bei Kindern und Jugendlichen.

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