Selbstverletzendes Verhalten

KUMMERKASTEN

Selbstverletzendes Verhalten

Als selbstverletzendes oder auto-aggressives Verhalten bezeichnen Experten es, wenn Menschen sich absichtlich Wunden zufügen, um negative Gefühle abzubauen. Besonders betroffen sind davon Mädchen im Alter von zwölf bis 15 Jahren. Was gibt es für Warnzeichen und wie verhalte ich mich als Elternteil, wenn mein Kind betroffen ist?

Dipl.-Psychologin Sonia Ludewig im Interview nach oben

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Sabine Marx ordnet ein

Sabine Marx: Selbstverletzendes Verhalten beginnt oft in der Pubertät. Mädchen sind häufiger davon betroffen als Jungen. Es gibt Umstände und Erfahrungen, die das Risiko der Selbstverletzung erhöhen können. Dazu gehören zum Beispiel: psychische Probleme eines Elternteils, instabile familiäre Beziehungen, Misshandlungen und/oder Missbrauch, geringes Selbstwertgefühl oder psychische Erkrankungen.

Sabine Marx: Es gibt verschiedene Formen und Schweregrade der Selbstverletzung, so zum Beispiel das oberflächlichere Ritzen, das tiefere Schneiden mit scharfen Gegenständen, sich selbst schlagen, kratzen oder beißen, das Zufügen von Verbrennungen, Verätzungen oder Erfrierungen, vermeintlich harmloses Nägelkauen oder auch exzessiver Sport. Die Verletzungen werden am häufigsten an Armen, Handgelenken, Händen und Beinen zugefügt.

Selbstverletzendes Verhalten gilt nicht als eigenständige psychische Erkrankung. Es kann gemeinsam mit einer psychischen Störung  auftreten. Doch nicht jeder, der sich selbst verletzt, ist psychisch krank. Selbstverletzendes Verhalten kann auch im Zusammenhang mit krisenhaften Phasen zum Beispiel in der Familie oder Schule auftreten.

Sabine Marx:

  • Regulierung von hohem emotionalem Druck
  • Abbau innerer Anspannung
  • der Versuch, sich selber zu spüren
  • Wahrnehmung der eigenen Körpergrenzen
  • Ausfüllen einer inneren Leere
  • Ablenkung bei traumatischen Erinnerungen
  • Selbstbestrafung


Wenn sich jemand selbst verletzt, richtet er Gefühle wie Wut, Trauer, Angst, Verzweiflung oder Hilfslosigkeit gegen sich selbst und den eigenen Körper und nicht nach außen gegen andere Menschen oder Gegenstände.

Sich selbst zu verletzen bedeutet nicht, Selbsttötungsabsichten zu haben. Es ist ein Symptom für eine seelische Not. Manchmal kann diese Not so groß werden, dass suizidale Gedanken hinzukommen.

Sabine Marx: Im Moment der Selbstverletzung betrachten sich Betroffene wie von außen und empfinden oft auch keinen Schmerz. Durch die Verletzung wird der Körper wieder spürbar. Die Anspannung lässt nach und Zufriedenheit und Erleichterung werden empfunden. Dieser Zustand dauert meist nur kurz an. Dann folgen Gefühle wie Scham, Frust und Wut darüber, dem Drang nachgegeben und sich selbst verletzt zu haben. Es baut sich wieder ein innerer Druck auf, der eine erneute Selbstverletzung auslösen kann. Ein Teufelskreis.

Die als positiv und erleichternd erlebten Gefühle während der Selbstverletzung können eine Art Sucht auslösen und zu einem Verhaltensmuster werden.

Sabine Marx: Mädchen sind deutlich häufiger betroffen als Jungen. Allerdings gehen Wissenschaftler und Ärzte davon aus, dass es gerade bei Jungen eine hohe Dunkelziffer gibt: Sie würden sich weitaus seltener trauen, sich zu öffnen und Unterstützung zu holen. Einige internationale Studien kamen zum Ergebnis, dass sich Jungen genauso oft wie Mädchen selbst Verletzungen zufügen.

Mögliche Warnzeichen nach oben

Fragencheck:

Wichtig: Das Beantworten einer oder mehrerer Fragen mit JA impliziert nicht automatisch, dass ihr Kind sich selbstverletzt. Die Fragen dienen nur zur Orientierung.

Sabine Marx:

  • Ihr Kind nimmt kaum noch am Familienleben teil, trifft sich nur selten mit Freunden, vernachlässigt Hobbys und zieht sich immer stärker zurück?
  • Ihr Kind schläft schlecht, wirkt müde und traurig?
  • Trotz warmer Temperaturen trägt es langärmlige Oberteile und Hosen und hat plötzlich keine Lust mehr auf Besuche im Schwimmbad?
  • Sie entdecken Schnitt- oder Brandverletzungen am Körper, insbesondere an Armen und Beinen, Verbrennungen oder Verbrühungen oder großflächige Schürfwunden an Knien und Ellenbogen?
  • Sie erhalten wenig plausible Erklärungen für die Verletzungen?

Wie Eltern helfen können nach oben

Sabine Marx gibt Tipps:

Sie haben entdeckt, dass Ihr Kind sich selbst verletzt? Nehmen Sie sich vor einem ersten Gespräch mit Ihrem Kind Zeit für Ihre Gedanken und Gefühle. Sprechen Sie darüber mit Ihrem Partner oder einer anderen Person, der Sie vertrauen.

Versuchen Sie im Gespräch mit Ihrem Kind ruhig zu bleiben. Machen Sie weder sich noch Ihrem Kind Vorwürfe, drohen Sie nicht mit Strafen oder einem sofortigen Besuch bei einem Arzt oder Therapeuten. Ausnahme: Ihr Kind hat eine Verletzung, die umgehend ärztlich versorgt werden muss.

Teilen Sie Ihrem Kind Ihre Sorge mit und Ihren Wunsch nachzuvollziehen, was es bewegt und beschäftigt. Akzeptieren Sie, wenn es erst einmal nicht viel erzählt und sich schnell zurückzieht. Bleiben Sie in Kontakt und signalisieren Sie immer wieder Ihre Offenheit für Gespräche.

Sie dürfen Ihrem Kind zeigen, wenn Sie sich rat- oder hilflos fühlen. Solche Gefühle kennt es vermutlich selbst und kann damit besser umgehen als mit strengen Vorschriften oder Verboten.

Verhalten Sie sich im Alltag normal, zeigen Sie Interesse an dem, was Ihr Kind beschäftigt und Ihre Freude, wenn etwas gut klappt und gelingt.

Selbstverletzendes Verhalten lässt sich nicht auf Knopfdruck beenden. Würdigen Sie die Phasen, in denen Ihr Kind ohne Selbstverletzung auskommt. Machen Sie Ihrem Kind keine Vorwürfe, wenn es zu Rückfällen kommt. Das erhöht nur zusätzlich den Druck, den es sich ohnehin selbst macht. 

Hilfreich können sogenannte Skills sein: Darunter versteht man ungefährliche Verhaltensweisen, die anstelle der Selbstverletzung zum Spannungsabbau, zur Gefühlsregulation oder Ablenkung eingesetzt werden können. Skills können sehr einfache Dinge sein wie zum Beispiel mit einem lieben Menschen sprechen, Tagebuch schreiben, Musik hören, sportliche Aktivitäten, Musik machen, kreativ sein und z. B. etwas kneten, zeichnen oder malen, einen Ball gegen die Hauswand werfen, ein Bad nehmen, etwas Leckeres trinken oder etwas besonders Scharfes oder Süßes essen.

Erste Anlaufstellen können eine Erziehungsberatungsstelle in Ihrer Nähe oder der Kinder- oder Hausarzt sein. Therapien werden von Beratungsstellen, niedergelassenen Psychotherapeuten und psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken angeboten. Bedenken Sie jedoch, dass eine Therapie nur erfolgreich sein kann, wenn Ihr Kind dazu bereit ist und sich freiwillig darauf einlässt. Ausnahme: Ihr Kind hat sich sehr schwer selbst verletzt oder ist akut suizidgefährdet. In solchen Fällen können Sie auch gegen den Willen des Kindes professionelle Hilfe holen.

Vertrauen Sie sich zum Beispiel guten Freunden an und sprechen Sie über das, was Sie beschäftigt, Ihnen Angst macht oder Sie frustriert. Lassen Sie sich ggf. selbst beraten, zum Beispiel beim anonymen und kostenfreien Elterntelefon (0800 111 0 550) oder in einer Familien- und Erziehungsberatungsstelle. (Bundesweite Beratungsstellen finden Sie auf den Onlineseiten der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung e.V.: dajeb.de).

Zusammengefasst:
DOS DON'TS
1. Zeigen Sie sich verständnisvoll und geben Sie ruhig zu, wenn Sie ratlos sind. 1. Verlieren Sie nicht die Nerven.
2. Haben Sie auch weiterhin Vertrauen zu Ihrem Kind und zeigen Sie, dass Sie die Beweggründe für sein Verhalten verstehen möchten. 2. Der sofortige Ruf nach einer Klinik oder einem Psychiater wird beim Betroffenen zunächst eine Ablehnungs- und Abwehrreaktion hervorrufen.
3. Stärken Sie Ihr Kind in seinem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. 3. Arbeiten Sie nicht gegen ihr Kind.
4. Nehmen Sie Ihre Probleme und Sorgen ernst - holen Sie sich Hilfe. 4. Vermeiden Sie Schuldzuweisungen (Sätze wie „Warum tust du deinen Eltern das an?“).

Hilfe und Infos im Netz

  • Kontakt- und Informationsforum für SVV-Angehörige auf rotelinien.de


Sie sind auf der Suche nach Anlaufstellen und Beratungsangeboten?

  • Sammlung von Telefonnummern und Beratungsstellen auf rotelinien.de
  • Beratung in der Nähe - Beratungsführer der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung e.V. auf dajeb.de
  • Übersicht über Beratungsangebote bei Krisen sowie Kontaktadressen geordnet nach Bundesländern auf suizidprophylaxe.de
  • Therapeutensuche des Psychotherapieinformationsdienstes auf psychotherapiesuche.de
  • Linksammlung - Beratung zu selbstverletzendem Verhalten auf das-beratungsnetz.de
  • Informationen und Beratung für Borderliner auf bordis-online.de

Hey, Sabine | Rechte: KiKA | Sabine MArx

Die Expertin

Sabine Marx

Sabine Marx ist die Beraterin des KUMMERKASTEN-Teams. Sie ist Leiterin der Diakonie eMail-Beratung für Kinder und Jugendliche und gibt auf den Erwachsenenseiten regelmäßig Tipps zu den Themen.

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