Geschwister für immer!

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Geschwister für immer!

Sabine Marx im Interview

Geschwister haben eine ganz besondere Beziehung. Welchen Einfluss haben Eltern auf diese Beziehung? Sabine informiert, wie Eltern damit umgehen können, wenn ihre Kinder streiten oder sich nicht gleichbehandelt fühlen.

Zwischen Liebe und Rivalität

Sabine Marx: "Geschwister begleiten einen Menschen ein Leben lang. Fast alle Geschwisterbeziehungen sind geprägt von der Spannung zwischen Nähe, Zuneigung und Liebe einerseits und Rivalität, Konkurrenz und Eifersucht andererseits.

Besonders konfliktreiche Geschwisterbeziehungen können bis ins Erwachsenenalter wirken und zum Beispiel auf das soziale Verhalten Einfluss ausüben. Oft nehmen jedoch Streitereien und Konflikte, die im Kindes- und Jugendalter ausgetragen werden, mit den Jahren mehr und mehr ab und es bleibt vor allem die Nähe und Vertrautheit und das Gefühl und Wissen, sich immer aufeinander verlassen zu können."

Streit unter Geschwistern nach oben

Sabine Marx: Sich zu streiten ist normal und auch für die Entwicklung eines Menschen wichtig. Ein Streit kann helfen zu lernen, für eigene Interessen und Meinungen einzustehen, zuzuhören und andere Sichtweisen zu tolerieren und Kompromisse zu finden.

So können Geschwister sich im geschützten Rahmen der Familie ausprobieren. Sie lernen, sich durchzusetzen, aber ebenso auch zurückzustecken. Weitere wichtige Lernerfahrungen sind zum Beispiel, sich zu entschuldigen, wenn man zu grob und heftig gestritten hat oder dass man sich streiten und danach auch wieder vertragen kann.

Sabine Marx: Ein Streit zwischen Geschwistern ist meistens auch ein (unbewusster) Versuch der Kinder, die Aufmerksamkeit der Eltern zu gewinnen und herauszufinden, ob sie jemanden mehr lieben und wenn ja, wen. Eltern sollten sich daher nicht verführen lassen, die Rolle einer schlichtenden Person zu übernehmen.

Das heißt konkret: nicht die Schuldfrage stellen und nicht verurteilen, das war richtig, das war falsch. Am besten ist, Eltern halten sich aus den Konflikten raus und verlassen sich darauf, dass die geschwisterlichen Streithähne selbst eine Lösung oder einen Kompromiss finden.

Sabine Marx: Ein Eingreifen der Eltern ist notwendig, wenn ein Streit zu eskalieren droht und es zum Beispiel zu heftigen verbalen Verletzungen oder körperlicher Gewalt kommt. Dann ist ein resolutes Stopp angesagt. Danach darf jeder seine Sicht der Dinge erzählen, der andere muss zuhören und darf nicht unterbrechen und umgekehrt.

Die Hauptaufgabe der Eltern besteht darin, darauf zu achten, dass Regeln eingehalten werden und eine Aussprache möglich wird und die Geschwister zu ermuntern, Lösungs- oder Kompromissideen zu entwickeln. Es ist eher eine moderierende Rolle und nicht eine, die für die Kinder Entscheidungen trifft oder Partei ergreift.

Gleichbehandlung nach oben

Sabine Marx: Vermutlich haben die meisten Eltern den Anspruch, ihre Kinder gleich zu behandeln. Tatsächlich fällt die Umsetzung dieses Anspruches nicht leicht. Und das ist bei genauerer Betrachtung auch nicht verwunderlich. Schließlich unterscheiden sich Geschwisterkinder voneinander, auch wenn sie in derselben Familie aufwachsen. Es gibt Unterschiede im Alter, Temperament, Talenten, Vorlieben. Und auch Eltern verhalten sich nicht immer gleich. So fühlen sie sich zum Beispiel beim ersten Kind noch unerfahren und sind aufgeregt, mit jedem weiteren Kind kommt ein bisschen mehr Sicherheit und Routine dazu.

Es kann auch passieren, dass Eltern eigene Geschwistererfahrungen auf das Verhältnis zu ihren Kindern übertragen. Das geschieht meistens unbewusst. Daher kann es für Eltern interessant und auch hilfreich sein, über das Verhältnis zu den eigenen Geschwistern nachzudenken. Die Reflexion über eigene Erfahrungen als Bruder oder Schwester kann helfen, bestimmte Muster, Erwartungen und Ängste nicht automatisch auf die eigenen Kinder zu übertragen.

Sabine Marx: Allein aufgrund der Individualität und Unterschiedlichkeit eines jeden Kindes ist eine Gleichbehandlung nicht möglich. Viel wichtiger ist, dass sich jedes Kind innerhalb der Familie in seiner Einzigartigkeit gesehen, gewertschätzt und vor allem geliebt fühlt. Eltern sollten versuchen, möglichst gerecht zu sein und kein Kind zu bevorzugen bzw.  zu benachteiligen.

Besondere Geschwisterkonstellationen nach oben

Sabine Marx: Zwillinge haben bereits im Mutterbauch eine intensive Zeit zusammen verbracht. Sie sind gleich alt, wachsen (im Normalfall) gemeinsam auf und eineiige Zwillinge stimmen auch genetisch zu 100 Prozent überein. Kein Wunder also, dass sie ihre Beziehung zueinander oft als enger und intensiver empfinden als normale Geschwister und meistens auch als große Bereicherung. Die Herausforderung von Eltern besteht darin, dieses Gefühl von Einheit zu respektieren und zu schätzen, gleichzeitig jedoch aufmerksam zu sein und auch der Individualität eines jeden Zwillings Raum zu geben und sie zu fördern.

Sabine Marx: Wenn Eltern sich trennen und ein Elternteil oder beide Elternteile einen neuen Partner oder eine neue Partnerin mit Kindern finden, kann es für alle Beteiligten aufregend werden. Kinder müssen sich nicht nur an neue Partner der Eltern gewöhnen, sondern auch an sogenannte "Stief-Geschwister". Das kann dann auch bedeuten, dass sie in eine neue Rolle geraten und zum Beispiel nicht mehr das Nesthäkchen oder der einzige Junge in der Familie sind.

Weitere Herausforderungen für Patchwork-Kinder sind u.a.: sich auf neue, noch unbekannte Menschen einlassen zu müssen und mit ihnen die Aufmerksamkeit und Zuneigung der Eltern zu teilen, ebenso die Wohnung, vielleicht sogar das eigene Zimmer.

Wichtig ist, dass Eltern sich der vielfältigen Herausforderungen bewusst sind und auch die möglicherweise auftretende Angst des eigenen Kindes oder der eigenen Kinder, ihre bedingungslose Liebe zu verlieren, ernst nehmen. Wenn die Herausforderungen gemeistert werden, können sich Patchwork-Geschwister jedoch schätzen und lieben lernen, zu neuen Spielkameraden und als große Bereicherung erlebt werden.

Sabine Marx | Rechte: KiKA | Sabine MArx

Die Expertin

Sabine Marx

Sabine Marx ist die Beraterin des KUMMERKASTEN-Teams. Sie ist Leiterin der Diakonie eMail-Beratung für Kinder und Jugendliche und gibt auf den Erwachsenenseiten regelmäßig Tipps zu den Themen.

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