Interview

"Achtsamkeit ist eine Fähigkeit, die in uns allen wohnt"

Kinder sind wahre Achtsamkeits-Künstler. Doch wann und warum geht das Bewusstsein, im Hier und Jetzt zu leben, verloren? Und wie lässt es sich zurückgewinnen? Onlineberaterin Sabine Marx und Achtsamkeitstrainerin Uta Knaur erklären, warum Achtsamkeit mit Kindern so wichtig ist. Und wie Familien es in ihren Alltag einbinden können.

Portrait Sabine Marx | Rechte: KiKA/Carlo Bansini
Sabine Marx Für die fachliche Betreuung der Probleme und Fragen, die über den Kummerkasten eingesendet werden, ist die Beraterin der Diakonie Sabine Marx zuständig.

Vorgestellt: Sabine Marx

Sabine Marx leitet die Diakonie Online Beratung für Kinder und Jugendliche und ist als KiKA Kummerkasten Expertin im Einsatz.


"Manchmal denken wir an das, was uns in der Vergangenheit passiert ist – also z. B. daran, dass wir uns gestern mit unserer besten Freundin gestritten haben, ob die nächste Deutscharbeit gut werden wird oder wie wir Ostern feiern werden. Und es kommt vor, dass wir dabei etwas tun, z. B. schnell etwas essen. Mit dem Kopf sind wir jedoch bereits bei den Aufgaben, die nach der Pause auf uns warten.

Das heißt, wir sind oft mit den Gedanken in der Vergangenheit oder in der Zukunft und nicht in der Gegenwart. Wir spüren nicht, wie es uns ganz konkret jetzt gerade geht. Wir merken nicht, was wir fühlen und welche Signale uns unser Körper sendet.

Achtsamkeit bedeutet, im Hier und Jetzt zu sein, im Moment zu sein, wahrzunehmen, was jetzt ist. Es bedeutet auch, dass wir das, was wir wahrnehmen, nicht bewerten, sondern uns, unsere Gefühle, unseren Körper beobachten."

"Nein und Ja. Nicht selten rase ich regelrecht durch meinen Alltag. Wenn ich ins Büro gehe oder mit der Tram fahre, denke ich meistens bereits an das, was ich dort tun werde, was ich alles erledigen muss und nehme gar nicht wahr, dass mich vielleicht jemand anlächelt, die Sonne mein Gesicht wärmt oder die Vögel zwitschern.
Oder manchmal bin ich so im Stress, dass ich vergesse, ausreichend zu trinken. Wenn ich Feierabend habe, genieße ich ihn nicht einfach, sondern denke daran, welche Aufgaben am nächsten Tag auf mich warten. Ich spüre aber, dass mir dieses Verhalten nicht gut tut.

Deshalb habe ich an an einem mehrwöchigen Achtsamkeitstraining teilgenommen. Es ist ein Prozess. Trotz Training rotiere ich noch oft genug durch meinen Alltag. Doch nun fällt es mir immer häufiger auf. Dann halte ich inne und konzentriere mich zum Beispiel auf meinen Atem.

Atme ein, atme aus. Drei Mal. Nimm bewusst wahr, wie der Atem durch deinen Körper fließt. Das tut gut, schafft Raum und verankert dich im Jetzt.

Es ist normal, menschlich und für unser Leben auch wichtig, dass wir uns an Vergangenes erinnern und damit beschäftigen und dass wir selbstverständlich vorausschauen, für unsere Zukunft planen und auch, dass wir unsere Alltagsroutinen haben. Wir können nicht in jeder einzelnen Sekunde achtsam sein und jede unserer Handlungen achtsam begleiten. Aber wir können lernen, eine grundsätzlich achtsame Haltung uns und unserem Leben gegenüber einzunehmen."

"Kinder können wahre Achtsamkeitskünstler sein. Sie sind neugierig, beobachten, fragen und wenn sie spielen, spielen sie. Sie können ganz versunken und konzentriert sein, in dem, was sie tun.
Aber auch Kinder erleben schon Stress. Es kann Konflikte geben in der Familie, mit den Freunden, in der Schule. Kinder können Gefühle, Gedanken und Situationen als fordernd oder sogar überfordernd erleben, gerade auch jetzt während der Corona-Pandemie. Dann kann ihnen Achtsamkeit bei der Stressbewältigung helfen."

"Der Familienalltag bietet viele schöne Möglichkeiten, Achtsamkeit zu fördern und wohltuende Rituale einzuführen. Dazu drei Beispiele:

  1. Atmen: Menschen atmen. Zu atmen, bedeutet, zu leben. Der Atem ist immer da und durchfließt uns. Eltern und Kinder können sich hinsetzen und gemeinsam für ein paar Minuten atmen. Dabei geht es nicht darum, den Atem zu verändern, also schneller, langsamer oder tiefer zu atmen. Es geht darum, den eigenen Atem bewusst wahrzunehmen und zu beobachten, wo er im Körper zu spüren ist.
  2. Essen: Essen ist lebensnotwendig. Essen kann Genuss sein. Doch oft lassen wir uns nicht wirklich Zeit beim Essen oder essen, während wir nebenbei noch andere Dinge tun. Eltern können anregen, beim nächsten gemeinsamen Mahl zumindest die ersten zwei, drei Bissen anders als gewohnt zu essen und bewusst darauf zu achten: Wie sieht das Essen aus, wie riecht es, wie fühlt es sich auf der Zunge an, was schmecke ich, wenn ich es langsam zerkaue?
  3. Schönes Erlebnis: Unangenehme Erfahrungen haben die unangenehme Eigenschaft, sich in unserem Kopf nach vorne zu drängeln und sehr viel Platz für sich zu beanspruchen. Manchmal schaffen sie es auch, in unserer Wahrnehmung dem ganzen Tag einen negativen Stempel aufzudrücken. Doch wir können bewusst entscheiden, was (und wem) wir wieviel Raum und Aufmerksamkeit schenken. Ein sehr bereicherndes Familienritual kann sein, sich jeden Abend gegenseitig ein schönes Erlebnis des Tages zu erzählen – und sei es – vermeintlich – noch so klein. Man kann auch die Erlebnisse auf einen Zettel schreiben, in einem Glas sammeln oder in einem Heft notieren und sich und am Ende eines Monats oder eines Jahres durchlesen."

"Eltern können darauf achten, dass ihre Kinder nicht von einer Tätigkeit zur nächsten hetzen und bereits einen so prall gefüllten Terminkalender haben wie Erwachsene. Kindern tut es gut, neben Schule und Hobbys noch genug Zeit zu haben für Langeweile und Nichtstun. In diesen freien Räumen können Kinder zur Ruhe kommen, sich selbst begegnen und einfach spielen und Spaß haben.

Kinder orientieren sich auch am Verhalten von Erwachsenen. Daher ist es wichtig, dass Eltern ihnen eine achtsame Haltung vorleben. Das funktioniert zum Beispiel dadurch, dass man tut, was man tut und nicht parallel noch zig andere Dinge."

"Die Pandemie ist auf jeden Fall ein enormer Stressfaktor für uns alle. Menschen haben Angst, sich zu infizieren, selbst schwer zu erkranken, sie sorgen sich, dass liebe Menschen krank werden oder sogar sterben könnten.
Hinzu kommen Überforderungsgefühle, z. B. aufgrund von Homeoffice und gleichzeitiger Betreuung von Kindern im Homeschooling. Vielleicht grübeln wir darüber, was wir verloren haben, an Leichtigkeit und Freiheit oder uns quälen Existenzängste und wir blicken sorgenvoll in die Zukunft. Eine Krise bringt im Leben vieles durcheinander und verursacht schmerzhafte Erfahrungen.

Vieles, was uns stresst, können wir jedoch aktiv nicht ändern. Was wir jedoch beeinflussen können, sind unsere Gedanken und unsere Haltung. Wir können anerkennen, wenn es zurzeit schwer für uns ist und überlegen, was brauche ich, was tut mir gut?

Das Erleben einer Krise kann dazu führen, dass Menschen bewusster auf ihr Leben schauen und sich fragen, was ist mir wirklich wichtig und das führt letztlich zu einer achtsamen Haltung dem eigenen Leben gegenüber."

"Der KiKA bietet ein buntes, abwechslungsreiches Programm, das Kinder unterhält, ihre Fantasie anregt, verständlich informiert, immer wieder auch zum Nachdenken und selber Ausprobieren anregt und anerkennt, dass auch Kinder es schon schwer haben können.
Eine gute Idee für Eltern kann sein, immer wieder Mal gemeinsam mit ihren Kindern deren Lieblingssendung zu gucken und sich danach über das Gesehene und Erfahrene auszutauschen."

Uta Knauer lächelt in die Kamera. | Rechte: KiKA
Uta Knauer

Vorgestellt: Uta Knauer

Uta Knauer ist Achtsamkeitslehrerin und arbeitet zudem als Supervisorin, Coach und Bildungsreferentin für das Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.

"Die Menschen, die zu mir in den Kurs kommen, sind meistens Menschen, die in einer Erschöpfungssituation oder auch schon in einem Burnout sind. Menschen, die viel zu bewältigen oder auch mit einer chronischen Krankheit zu kämpfen haben. In dem Achtsamkeitstraining geht es vor allem darum, dass die Menschen für sich etwas lernen, wie sie wieder mit ihrer Situation selbstbestimmter umgehen können.

Das Achtsamkeitstraining, das in den 70er Jahren von Jon Kabat-Zinn entwickelt wurde, beinhaltet verschiedenste Meditationspraxen, wie z. B. den Bodyscan und achtsame Yogaübungen, mit denen wir beginnen, um wieder mehr in den Kontakt mit unserem Körper zu kommen.
Es geht darum, dass wir wirklich wieder mehr in die Aufmerksamkeit kommen, zu gucken, was erlebe ich in meinem Körper währenddessen ich ihn bewege. Was ist da erlebbar?
Eine andere Form ist die Geh-Meditation, die wir auch gut draußen auf der Straße machen können. Und natürlich auch die Sitz-Meditation. Das sind alles Formen, die uns helfen, immer wieder mehr in die Sammlung zu kommen."

"Es geht darum, sich immer wieder im Alltag zu erinnern, wach zu werden und inne zu halten. Thich Nhat Hanh, einer der für mich bedeutsamsten Achtsamkeitstrainer unserer Zeit, sagt: Wenn du dich um dich selbst kümmern willst, musst du lernen inne zu halten. Und er benutzt da den Atem. Drei bewusste Atemzüge bringen Kopf und Körper wieder in den Kontakt. Und ich halte inne und gucke, was brauche ich?
Es ist wichtig, immer wieder zu unterbrechen und inne zu halten. Da muss man nicht immer eine Stunde für Zeit haben, sondern sich innerlich entscheiden: Jetzt."

"Es geht darum, ganz im Moment zu sein, ganz bewusst den Moment wahrzunehmen. Das, was ich gerade erlebe, wahrzunehmen. Achtsamkeit ist eine Fähigkeit, die in uns allen wohnt und die Kinder noch ganz intuitiv, selbstverständlich nutzen, um die Welt zu erkunden und zu erforschen.

Achtsamkeit ist z. B. nach einem langen Winter zu spüren, wie die Sonne uns auf das Gesicht scheint wie eine Lichtdusche. Oder Salzwasser auf der Haut - das zu spüren heißt ganz wach zu sein.
Es geht darum, im Hier und Jetzt zu sein. Wir sagen auch, im gegenwärtigen Gewahrsein zu sein."

"Kinder brauchen Raum und Zeit, um sich zu entwicklen. Jeder Mensch ist einzigartig und um diese Einzigartigkeit auch entfalten zu können, brauchen Kinder Raum, um auf ihre Art und Weise die Welt zu entdecken.
Und da können Rituale helfen: Abends eine Gute-Nacht-Geschichte lesen oder wirklich gemeinsam mal zu gucken, was war denn heute schön? Und was war schwierig? So kommen Eltern mit ihren Kindern in den Kontakt und die Kinder fühlen sich gehört und gesehen.
Gemeinsam kann man so den Kopf voller Gedanken zur Ruhe kommen lassen."

"Corona hat uns deutlich gemacht, dass wir gar nicht so viel planen können, weil wir gar nicht wissen, was ist denn morgen? Wir sind oft im Geist in der Vergangenheit, aber die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern. Oder der Geist ist in der Zukunft, plant und macht sich Sorgen. Dabei wissen wir gar nicht, was morgen ist.

Der einzige Moment, wo wir wirklich lernen und etwas verändern können, ist jetzt.
Wenn ich merke, ich möchte gerne mehr Sinnhaftigkeit in meinem Leben haben, dann ist es gut, in die Achtsamkeit zu kommen und jetzt etwas zu verändern."

Stand: 11.03.2022, 08:21 Uhr