Hinschauen statt Wegschauen

Kindesmissbrauch erkennen und handeln

Sexueller Missbrauch geschieht gegen den Willen von Mädchen und Jungen. Weil die Täter und Täterinnen älter sind als die betroffenen Kinder und Jugendlichen, können sie sich nur schwer wehren. Erwachsene müssen ihnen helfen. Das heißt auch: Die Anzeichen sexueller Gewalt müssen schneller erkannt und ernst genommen werden. Denn nur dann ist Handeln möglich.

Täglich werden bei der Polizei etwa 50 Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder gemeldet. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik macht das im Jahr rund 12.000 Fälle von Missbrauch an Kindern unter 14 Jahren und über 7.000 Fälle von Kinderpornografie.

Aktuelle Studien und Schätzungen gehen davon aus, dass es in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder gibt, die von sexueller Gewalt und Missbrauch betroffen sind. Die Täter und Täterinnen kommen in der Regel aus dem direkten Umfeld der Kinder. Sie gehören zur Familie, sind Nachbarn oder Personen aus sozialen Einrichtungen und Vereinen, die die Kinder gut kennen. Fremdtäter und Fremdtäterinnen sind eher selten.

Mädchen sind etwa drei- bis viermal so häufig von sexuellem Missbrauch betroffen wie Jungs. Trotzdem gilt: Hilfe brauchen beide, Mädchen und Jungen.

"Anrufen Hilft!" - Neue Initiative gegen sexuelle Gewalt

Haben Erwachsene den Verdacht, dass ein Kind sexuell missbraucht wird, wissen viele nicht wie sie mit der Situation umgehen sollen und was zu tun ist. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung macht deshalb mit einer neuen Initiaitve auf das Hilfetelefon aufmerksam. An das können sich nicht nur Betroffene wenden, sondern auch alle, die sich Sorgen um ein Kind machen oder Fragen zum Thema haben. Am Hilfetelefon können sie mit erfahrenen Beraterinnen und Beratern über Befürchtungen sprechen und bekommen Handlungstipps. So soll sexueller Kindesmissbrauch in Zukunft schneller gestoppt werden. Der KiKA unterstützt das Anliegen der Aktion.

Teil der Initiative "Anrufen Hilft!" ist auch ein Fernsehspot. Er beleuchtet das Thema sexuelle Gewalt aus Sicht der betroffenen Kinder und soll Erwachsene für Kindesmissbrauch sensibilieren:

Was ist sexueller Missbrauch? nach oben

Beim sexuellen Missbrauch führen Erwachsene oder Jugendliche sexuelle Handlungen an Kindern oder vor Kindern aus. Das können beispielsweise Küsse oder Berührungen des Intimbereiches sein. Auch das Zeigen von pornografischen Inhalten oder Selbstbefriedigung vor einem Kind gelten als sexueller Missbrauch. Umgangssprachlich wird sexueller Missbrauch auch als sexuelle Gewalt bezeichnet.

Sexueller Missbrauch geschieht gegen den Willen von Mädchen und Jungen. Oft werden sie sogar dazu gezwungen etwas zu tun, was sie nicht wollen. So fordern Täter und Täterinnen sie beispielsweise dazu auf sich selbst oder andere zu berühren. Die betroffenen Kinder sind dem Täter oder der Täterin körperlich, seelisch, geistig und sprachlich unterlegen. Die Kinder können sich oft nicht wehren.

Sexueller Missbrauch beginnt mit sexuellen Übergriffen. Beispielsweise durch eine Person, die

  • ein Kind durch sexualisierte Worte belästigt oder beleidigt.
  • ein Kind ganz genau beobachtet und dabei gezielt auf den Intimbereich, Po oder Brust schaut.
  • ein Kind vorsätzlich an der Kleidung im Intimbereich oder an der Brust berührt.

Viele Handlungen sind sexuelle Gewalt. Dennoch sind nicht alle Handlungen strafbar und verboten. Für Folgendes können die Täter und Täterinnen bestraft werden:

  • Eine Person gibt einem Mädchen oder Jungen Zungenküsse.
  • Eine Person führt sexuelle Handlungen am Körper eines Mädchens oder Jungens aus.
  • Eine Person lässt sich von einem Mädchen oder Jungen sexuell befriedigen.
  • Eine Person zwingt ein Mädchen oder einen Jungen zur Selbstbefriedigung.
  • Eine Person vergewaltigt ein Mädchen oder einen Jungen vaginal, oral oder anal.


Auch Handlungen, bei denen der Körper eines Kindes nicht direkt einbezogen wird, sind strafbar. So ist es beispielsweise verboten

  • sich vor einem Kind ausziehen und erregt zu zeigen.
  • sich vor einem Kind selbst zu befriedigen.
  • einem Kind Bilder oder Videos von sexuellen Handlungen zu zeigen.

Auch im Internet sind Kinder sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Beispielsweise wenn Kinderpornografie verbreitet wird oder pornografische Bilder an Kinder und Jugendliche verschickt werden. Es gibt auch Täter und Täterinnen, die sich mit Fake-Profilen das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen erschleichen. Beim sogenannten Cybergrooming wird der sexuelle Missbrauch von Kindern vorbereitet.

Kindesmissbrauch erkennen - Wie geht das? nach oben

"Die meisten Kinder werden in der Familie und im sozialen Umfeld missbraucht."

Sexuellen Missbrauch zu erkennen ist schwer. Mädchen und Jungen weisen nur selten Verletzungen auf, die eindeutig auf sexuellen Missbrauch hinweisen. Deshalb ist es wichtig, Verhaltensänderungen von Mädchen und Jungen ernst zu nehmen und sie darauf anzusprechen.

Einige Kinder, die sexuell missbraucht werden,

  • versuchen im Anschluss alles richtig zu machen und nicht aufzufallen.
  • ziehen sich zurück und brechen Kontakte zu Freunden ab.
  • werden krank. Sie leiden zum Beispiel an Kopf- und Bauchschmerzen, schlafen schlecht oder entwickeln Hautkrankheiten.
  • fügen sich selbst Schmerzen zu und verletzen sich.
  • essen zu wenig oder zu viel.
  • nehmen Drogen, trinken Alkohol oder entwickeln andere Süchte, um das Erlebte zu verdrängen.
  • verhalten sich nicht mehr altersgerecht.
  • überschreiten Grenzen und halten sich nicht an Regeln.
  • wirken ängstlich oder verhalten sich aggressiv.


Wichtig! Es gibt keine eindeutigen Hinweise auf sexuellen Missbrauch. Jede dieser Verhaltensweisen kann auch andere Ursachen haben.

Die Folgen von sexuellem Missbrauch sind unterschiedlich. Sie hängen unter anderem davon ab, was dem Kind angetan wurde, wie oft es missbraucht wurde, wie eng die Beziehung zu dem Täter oder der Täterin war und wie viel Rückhalt das Kind erfährt.

Dennoch ist es meist so, dass Betroffene ein Leben lang unter den Folgen der Gewalt leiden. Einige von ihnen entwickeln körperliche und psychische Störungen und Krankheiten. Andere können den Missbrauch gut verarbeiten, wenn sie früh Hilfe, Trost und Unterstützung erfahren.

Was tun bei Kindesmissbrauch und sexueller Gewalt? nach oben

Bild von Johannes-Wilhelm Rörig, dem Missbrauchsbeauftragtem der Bundesregierung | Rechte: Christine Fenzl
Johannes-Wilhelm Rörig Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung

"Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen findet täglich, real und überall statt. Die meisten Fälle bleiben unerkannt. Deshalb ist es so wichtig, dass Personen aus dem Umfeld von Kindern handeln, wenn sie einen Verdacht haben oder sich Sorgen um ein Kind machen."

Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung

Besteht der Verdacht, dass ein Kind sexuell missbraucht wird, gilt es Vertrauen zu dem Kind aufzubauen. Erwachsene sollten sich Zeit nehmen, etwas mit dem Kind unternehmen und es fragen, wie es ihm geht.

Den meisten Mädchen und Jungen fällt es schwer, über das Erlebte zu sprechen. Sie schämen sich. Oft wird ihnen von den Tätern und Täterinnen auch eingeredet, dass sie selbst Schuld an dem Missbrauch sind. Mit Sätzen wie "Du hast dich ja nicht gewehrt.", "Du hast damit angefangen." oder "Du wolltest das." werden Kinder verunsichert. Das machen die Täter und Täterinnen bewussst, damit die Opfer nicht reden.

Hinzukommt, dass die Täter und Täterinnen behaupten, der sexuelle Missbrauch sei ein Geheimnis. Sie drohen den betroffenen Mädchen und Jungen mit Konsequenzen, falls sie anderen davon erzählen ("Wenn du einer Person unser Geheimnis erzählst, passiert etwas Schlimmes."). Bei Kindern schürt das Angst. Sie befürchten, dass ihnen niemand glauben könnte. Gerade deshalb ist ein sensibler Umgang mit Kindern wichtig.

Sollte Sie die Befürchtung haben, dass ein Kind sexuell missbraucht wird, sollten Sie es niemals dazu drängen darüber zu sprechen. Druck von Außen führt dazu, dass sich Kinder verschließen, Erlebtes verschweigen oder das Erzählen was Erwachsene hören wollen.

Geben Sie dem Kind Zeit sich zu öffnen. Dafür ist es hilfreich ihm Fragen zu stellen, die nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden können. So vermeiden Sie auch, dass Sie das Kind beeinflussen.

Offene Fragen helfen dabei mit Kindern ins Gespräch zu kommen. Sie geben betroffenen Kindern die Möglichkeit mit eigenen Worten von einer Situation zu erzählen.

Offene Fragen sind zum Beispiel:

  • Wie geht es dir?
  • Was habt ihr zusammen gemacht?
  • Was ist dann passiert?
  • Was war das für eine Person? Wie sah sie aus?
  • Wie ging es dann weiter?

Unterstützung - Sexuelle Gewalt gemeinsam bekämpfen nach oben

Viele Erwachsene fühlen sich überfordert, wenn der Verdacht des sexuellen Kindesmissbrauches im Raum steht. Entlastung, Beratung und Unterstützung gibt es am Hilfetelefon Sexueller Missbrauch.

Das Hilfetelefon ist für Menschen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, damit konfrontiert werden oder sich Sorgen um ein Kind machen. Ziel der Beratung am Telefon ist es, gemeinsam zu überlegen was getan werden kann um dem betroffenen Kind zu helfen. Neben Tipps und Hinweisen gibt das Hilfetelefon auch eine Einschätzung zu der Situation eines Mädchens oder Jungens ab. Die Daten werden dabei vertraulich behandelt und nicht an die Polizei weitergegeben.

Ein Anruf beim Hilfetelefon ist kostenlos. Es wurde von dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauches ins Leben gerufen.

Stand: 12.05.2020, 11:05 Uhr