"Anne ist ein bisschen wie ich"

Annedroids bei KiKA

"Anne ist ein bisschen wie ich"

Gastbeitrag Maya Götz

"Annedroids" nimmt sich auf spannende und humorvolle Weise des Themas Mädchen in MINT-Fächern an und vermittelt ganz nebenbei naturwissenschaftliches und technisches Grundwissen. Die Medienwissenschaftlerin und Medienpädagogin Dr. Maya Götz fasst die Ergebnisse ihrer Rezeptionsstudie zur Serie zusammen.

Kann eine Kindersendung die Einstellung zu Technik positiv verändern und Geschlechterklischees aufweichen?

Der Ausgangspunkt

Nach wie vor ist die Berufswahl von Mädchen und Jungen in Deutschland ausgesprochen geschlechterstereotyp. Während Jungen an erster Stelle Berufe im IT-Bereich anstreben und sich Technik als vielversprechendes Arbeitsfeld vorstellen, liegen bei den Mädchen Berufe im Bereich Mode, Styling und Schönheit ganz vorne, gefolgt von den Bereichen Medien und Musik, Tanz und Gesang.

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit deutlich auf den hinteren Rängen was das Interesse von Mädchen an MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) angeht. Dabei ist es nicht so, dass Mädchen hierzulande kein Interesse an diesen Berufen hätten, sie trauen es sich einfach nicht zu. Hier ist es nicht nur eine Frage der Chancengleichheit, mehr junge Frauen für MINT-Berufe zu gewinnen, sondern auch eine Frage der Zukunftsfähigkeit des Forschungs- und Industriestandorts Deutschland. Medien, als einer der  wichtigsten Sozialisationsagenten neben Elternhaus und Schule könnten hier wichtige Impulse liefern, (siehe CSI-Effekt*). Leider wurden diese Chancen bisher so gut wie nicht genutzt.

Die Alternative: Die Sendung "Annedroids"

Angeregt durch den Forschungsstand wurde eine Sendung entwickelt, bei der ein 11-jähriges Mädchen im Mittelpunkt steht, das begeistert Roboter und Androiden erfindet und naturwissenschaftliche Experimente durchführt: Die Sendung "Annedroids". In Koproduktion von KiKA, Amazon Prime und tvo (Kanada) entstand eine Live-Action Serie mit CGI-animierten Robotern.

Gemeinsam mit ihren Freunden erlebt Anne Abenteuer und erforscht in jeder Folge ein naturwissenschaftliches oder technisches Phänomen, nutzt dabei naturwissenschaftliches Vorgehensweisen und erfährt zudem eine Menge über Freundschaft, Identität und Geschlechterkonstruktionen. Dabei arbeitet die Sendung gezielt Geschlechterklischees entgegen, stellt Stereotypen infrage und vermittelt erlebnisorientiert Grundwissen im Bereich MINT.

Die wissenschaftliche Untersuchung

Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) stellte sich die Frage: kann eine Fernsehsendung Wissen im Bereich MINT verbessern und etwas an Geschlechterklischees im Bereich Technik und Mädchen verändern? Befragt wurden 488 Mädchen und Jungen in Deutschland, USA und Kanada.

Die Ergebnisse

Die Sendung kommt (auch) in Deutschland herausragend gut an und neun von zehn Kindern beurteilen die Sendung als „super gut“ und 99 % gaben an, dass sie die Sendung ein weiteres Mal ansehen würden. Werte, die im Vergleich zu diversen anderen Studien dieser Art herausragend positiv sind. Die 11-jährige Wissenschaftlerin Anne, ist die beliebteste Figur bei den Mädchen: „Weil sie viel mit Technik macht und das mag ich. Nicht nur Jungs können mit Technik umgehen“ wie Olga, 9 Jahre, argumentiert. Viele haben das Gefühl, „Anne ist ein bisschen wie ich“. Bei den Jungen ist Nick besonders beliebt, „Weil er cool ist“ (Timo, 12 Jahre) und mit Technik kompetent umgeht, wenn „[…] er die Überwachung austrickst“ (Dieter, 10 Jahre).

"Annedroids" erweitert das Wissen

In jeder Episode von "Annedroids" werden naturwissenschaftliche bzw. technische Inhalte erforscht und im Rahmen der Geschichte erklärt. In der Studie testeten wir, inwieweit diese Inhalte bekannt waren. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Kinder aus Deutschland in den abgefragten MINT-Wissensbereichen hinter ihren AltersgenossInnen aus den USA und Kanada zurückliegen und Jungen meist mehr wissen als Mädchen. Nach der Serie kann jedoch ein großer Teil der Kinder Fragen wie „Wie verteilt sich Laserlicht im Raum?“ (richtige Antwort: „in eine Richtung“) richtig beantworten. Die Mädchen konnten dabei ihre Wissensrückstände aufholen. Durch die unterhaltsame Sendung wird also durchaus etwas Ernsthaftes gelernt.

"Annedroids" verändert die Einstellung zu Technik

Der Vorher-Nachher-Test zeigt, dass "Annedroids" die Grundeinstellung zu Technik deutlich verändert. Die Anzahl der Mädchen, die sich z.B. nach der Sendung vorstellen können, dass Technik Spaß macht und auch Kinder in ihrem Alter etwas Nützliches mit Technik erfinden könnten, verdoppelt sich. Zudem steigt die Offenheit von Mädchen gegenüber MINT- und Handwerksberufen als Zukunftsperspektive, während der Berufswunsch in der Schönheitsbranche tätig zu sein oder als Star auf der Bühne zu stehen abnimmt.

"Annedroids" verändert die Einstellung zu Geschlechterklischees im Bereich MINT

Wir konfrontierten Kinder mit klischeehaften Aussagen wie „Mädchen und Roboter, das passt nicht so wirklich zusammen“, und fragten sie, inwieweit sie diesen zustimmen oder die Aussage als falsch erachten.

Gegen die eindeutigen Geschlechterklischees gingen in Deutschland nicht mal 2 von 10 Kindern vollständig an. Im Vergleich mit den USA und Kanada, wo mehr als jedes zweite Mädchen sich voll gegen diese Aussage wehrt, ist dies erschreckend wenig. Nach dem Sehen von "Annedroids" verdreifacht sich nahezu die Zahl der Mädchen, die erkennen: Mädchen und Technik, das passt durchaus zusammen.

Fazit der Ergebnisse der Deutschen Stichprobe

Die Studie gibt deutliche Hinweise: Sehen Kinder eine Serie wie "Annedroids", in der naturwissenschaftliche Phänomene unterhaltsam von Kindern erforscht werden, fördert dies das Wissen und die positive Einstellung zu MINT-Themen. Insbesondere Mädchen, die in vielen der hier abgefragten Wissensbereichen weniger wussten als die Jungen, profitieren von der Sendung. Nach der Sendung wissen sie mehr und können sich vorstellen, dass es Spaß macht, sich mit Themen rundum Technik und Naturwissenschaft auseinanderzusetzen.

Einige verändern sogar ihre Vorstellung von ihrem späteren Beruf. Die geschlechterspezifischen Klischees, dass Mädchen in Mathematik, Technik, Informatik und Naturwissenschaft einfach schlecht seien, gehen durch eine Sendung wie "Annedroids" deutlich zurück. Insbesondere für Deutschland, das hier deutlichen Nachholbedarf hat, ist insofern eine Sendung wie "Annedroids" mit starken, technikaffinen Held(inn)en pädagogisch zu empfehlen.

Wenn schon zwei Folgen einer gut gemachten, unterhaltsamen Sendung des KiKA die Geschlechterklischees aufweichen können, bleibt die Frage, wie wir Mädchen flächendeckend den Zugang zu diesen Inhalten ermöglichen können.

*Nachweisbar vervielfachte sich nach der Einführung der Serie CSI in den USA und Deutschland das Interesse von Studienanfängerinnen an der Pathologie (vgl. hierzu auch Keunke et al., 2010).

Maya Goetz | Rechte: Maya Goetz

Dr. Maya Götz

Dr. phil. Maya Götz ist Medienwissenschaftlerin und –pädagogin sowie Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) und des PRIX JEUNESSE INTERNATIONAL, München.

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